Wohnen: Es war einmal ein Melkerhaus

DATTELN So könnte die Geschichte dieser Immobilie ganz weit draußen im Dattelner Norden beginnen. Wie im Märchen wurde aus der zunächst unscheinbaren Magd Melkerhaus die bildschöne Prinzessin Einfamilienhaus. Um den drei Generationen einer Familie das Privileg vom Wohnen auf dem Land zu ermöglichen, wurde das alte Gebäude unter den strengen Richtlinien des Außenbereicherlasses grundlegenden Umbauten unterzogen und um einen neuen Baukörper ergänzt.

  • Tag der Architektur NRW 2016 - Um- und Anbau eines Hauses in Datteln

    Nach Erteilung der Baugenehmigung 2014 und einer detaillierten Ausführungsplanung konnte der Altbestand (links) 2015 schließlich baulich erweitert, sowie grundliegenden Umbauten und Modernisierungen unterzogen werden. Entstanden ist ein Gebäudekomplex von Alt und Neu, der sich harmonisch in die ländliche Umgebung einfügt. Foto: Caroline Olk


Verbunden und erschlossen über ein eingeschobenes, verglastes Treppenhaus, bieten Altbau und Erweiterung nun ein großzügiges Raumangebot auf zwei Wohnebenen. Zudem besticht das entstandene Grundrisskonzept mit spannenden Sichtachsen und variablen Raumbezügen. Das Kleinod in den Feldern zwischen Datteln und Olfen war eines von 325 Objekten, das die Architektenkammer NRW für den Tag der Architektur (25./26. Juni) ausgewählt hatte. Interessierte konnten sich die nominierten Gebäude anschauen – von außen und von innen.

Große Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land
Auch die Familie Beforth-Peveling gewährte Einlass. Mehr als 40 Besucher sahen sich in dem großzügig gestalteten und lichtdurchfluteten „Hybriden“ aus Alt- und Neubau um. 2009 hatte die Dattelner Familie ihren Hof aufgegeben und war in die die Nähe des Rathauses gezogen. Schnell erkannte sie jedoch, dass ihr hier die ländliche Weite fehlte. „Es war mir zu eng in Datteln“, sagt Beatrix Beforth-Peveling. So rückte 2013 das sogenannte Melkerhaus in den Fokus. Denn dieser Altbau von 1960 liegt in direkter Nachbarschaft des ehemaligen Hofs und befand sich praktischerweise seit jeher in Familienbesitz. „Bereits 2011 war die Außenhülle der zuletzt vermieteten Immobilie energetisch saniert worden“, sagt Innenarchitektin Caroline Olk, die den Umbau und die bauliche Erweiterung gemeinsam mit Architektin Anika Müller geplant und umgesetzt hat.

Das Problem war: Die Ansprüche und Anforderungen einer drei Generationen umfassenden Familie – Großmutter, Mutter und Tochter – waren mit dem begrenzten Raumangebot des Melkerhauses nicht zu erfüllen. Also musste mehr Wohnraum her. Die nächste Hürde: Aufgrund der komplexen genehmigungsrechtlichen Situation, die das Bauen und Wohnen zum Schutze des Außenbereichs reglementiert, waren umfassende Vorgespräche mit allen zuständigen behördlichen Vertretern nötig. Die Richtlinien bezogen sich auf die generelle Zulässigkeit des Projekts, die Dimensionierung, das Gestaltungsbild und die Kompensation versiegelter Flächen. „Die Baumaßnahme war letztendlich nur möglich, weil mit dem Melkerhaus bereits ein Altbestand existierte, der entsprechend der Anzahl dort zu wohnen gedenkender Familienmitglieder erweitert werden durfte“, sagt Caroline Olk. Aus über 100 m² Wohnfläche wurden 210 m².

Baubeginn 2015
Nach Erteilung der Baugenehmigung und einer detaillierten Ausführungsplanung konnte der Altbestand 2015 schließlich baulich erweitert, sowie grundliegenden Umbauten und Modernisierungen unterzogen werden. Entstanden ist ein Gebäudekomplex von Alt und Neu, der sich harmonisch in die ländliche Umgebung einfügt. Der Erweiterungsbau, mit klassischem Satteldach und einer Kombination aus weißem Putz mit edlem Torfbrandklinker, grenzt um 90 Grad gedreht an die Giebelseite des alten Melkerhauses an. Den Übergang zwischen Bestand und Erweiterung defininiert ein eingeschobenes Treppenhaus mit großzügig verglasten Fassadenflächen. Caroline Olk: „Durch dieses ganz bewusst gewählte Gestaltungselement wurden auch der Gebäudezugang und damit die Erschließung der zwei Wohn-ebenen samt Kellergeschoss neu organisiert.“ Dort, wo sich früher das Treppenhaus befand, wurde durch einen Deckenverschluss Wohnraum hinzugewonnen. Damit konnte nicht nur die Fläche des Badezimmers im Erdgeschoss des Melkerhauses deutlich vergrößert werden, auch der benachbarte Flur erhielt so eine attraktive Garderobennische.

Großzügiges Raumangebot, spannende Sichtachsen
Neben flexiblen Raumbezügen besticht die moderne Grundrissstruktur außerdem mit einem großzügigen Raumangebot und spannenden Sichtachsen in die umliegende, landwirtschaftlich geprägte Umgebung. Lange, geradlinig gestaltete Flure und lichtdurchflutete Räume, die im Obergeschoss in beiden Häusern bis in die freigelegte Dachspitze reichen, verleihen dem Komplex eine Klarheit. Warme Holztöne am Boden, im Gebälk und in der Möblierung sorgen für angenehme Kontraste. Auch die „Dame des Hauses“, Beatrix Beforth-Peveling, fühlt sich wieder angekommen: „Endlich wieder Grün, endlich wieder Natur.“
 
Tag der Architektur: Einmal im Jahr lädt die Architektenkammer NRW dazu ein, neue und modernisierte Bauten, Räume, Plätze und Stadtquartiere vor Ort zu erleben. www.aknw.de